Digitale Prozesse - Tim Dorbandt, Berater für IT-Collaboration

Manche Begriffe traut man sich gar nicht zu hinterfragen. Sie sind allgegenwärtig und man könnte ja in Verlegenheit geraten, wenn man der Einzige ist der fragt. Sei es APP, Cloud, BigData oder die Digitalisierung.

Ich besuche häufig Konferenzen: „Auf die Wichtigkeit der Digitalisierung brauch ich hier ja nicht mehr eingehen.“, „Und jetzt gehen wir von der digitalen, zurück in die reale Welt.“, „Wir stecken mitten in der Digitalisierung“ sind nur ein paar Sätze die meist ohne Erklärung vom Rednerpult fallen oder von einem kurzen Wikipedia Zitat und Buzzword-Bingo tauglichen Schlagworten begleitet werden. Wenn man dann im Nachgang am Buffet ins Gespräch kommt, so stellt sich meist heraus, dass jeder eine andere Auffassung davon hat.

„Digitalisierung ist mehr Prozesse digital abzubilden“, „Man macht alles am Computer“, „Wir machen das noch nicht, soweit sind wir noch nicht“. 

Aber ist es denn wirklich so schwer? Und ist denn IT gleich Digitalisierung?

Alles, was irgendwie mit Computern zu tun hat, ist IT. "Damit kenn ich mich nicht aus, dass sollen die ITler schon machen." Viele sehen die IT als eine Insel an, die man vielleicht mal kurz im Urlaub besucht hat -im Endeffekt bleibt sie aber Neuland und man mag sich nicht mit ihr befassen. Manch ein Nutzer sagt schon fast mit Stolz: „Wenn ich das verstanden habe, dann ist es wirklich einfach.“

IT steht für Informationstechnik. Gut, jeder der bis hier hingekommen ist, hat bereits bewiesen, dass er in der Lage ist Informationen zu Verarbeiten und die hier zu sehenden Buchstaben irgendwie in Zusammenhang zu bringen – Aktive Informationsverarbeitung. Die Hälfte von IT wäre damit schon mal gemeistert! Bleibt noch die Technologie. Nun, um sie zu beruhigen: Die Technologie ist komplex. Aber Sie ist zeitgleich ganz einfach! Oder eher auch? – Sagen wir vielschichtig. Angefangen hat das alles mit Einsen und Nullen. Technische Deepdiver haben Bits und Bytes von links nach rechts geschubst um Berechnungen zu machen und Maschinen zu steuern. Das gibt es zwar immer noch – aber das, mit dem die meisten ITler im Alltag zu tun haben, ist weit davon entfernt. Studiert man angewandte Informatik kann man mit der richtigen Modulwahl einen akademischen Abschluss erlangen, ohne auch nur eine Zeile Code in seinem Leben geschrieben zu haben. Das liegt in erster Linie daran, dass das Themenspektrum so umfangreich geworden ist. Zwar bekomme ich es, meines Studiums geschuldet, auch noch hin, kleinere 3-4 stellige Zahlen im Kopf zu 1 & 0 umzurechnen, fangen hingegen zwei meiner Kollegen an, einen Dialog über IT-Forensik und Netzwerkstacks zu führen, knibbel ich geistesabwesend am Papieretikett meiner Flasche.

Ich selbst bin ein Kind der 90er - habe den ersten Gameboy, einen C64, 56k Modem, ISDN und DSL miterlebt. Verglichen mit den heutigen Möglichkeiten bereits technische Steinzeit – aber schon lange nach der Verarbeitung der Lochkarten.

Gleichzeitig sehe ich, wie sich nicht nur die Technik, sondern vor allem der Umgang mit ihr geändert hat. Meine Mutter schickt mir Kalenderblocker von ihrem Smartphone, wenn Termine mit der Familie anstehen und der 78-jährige Rentner von nebenan fragt, ob ich ihm bei der Einrichtung seines Tablets helfen könnte und freut sich über die ZDF Mediathek App.

Und das ist Digitalisierung: Wir kommunizieren, informieren uns und erschaffen durch Internet-basierte Firmen sogar Lebensgrundlagen.

Zeitgleich findet Mobbing nicht nur mehr auf dem Schulhof oder bei den falschen Arbeitskollegen statt. Attentate werden organisiert, Propaganda gefahren, Hetze getrieben und Informationen über Personen missbraucht und verkauft.

Aber das ist alles nicht neu, sondern wird wie jede andere Alltagsanwendung, nur unterstützt. Der Einzug dieser Technik ist genau so präsent wie es Wasser, Strom und Autos für uns sind. Und dieser Einzug ist für mich die Digitalisierung. Keine zweite Welt, keine andere Realität. Einfach ein weiteres Werkzeug für den Alltag, dem man nicht mit Angst, sondern mit Neugier begegnen sollte. Wer sich mit der Digitalisierung beschäftigt stellt fest, dass es nicht darum geht in 1 & 0 zu sprechen, sondern Zusammenhänge zu verstehen und kreativ neue Möglichkeiten auszuschöpfen. Ich brauch auch nicht wissen wie eine Mikrowelle im Detail funktioniert – aber ich weiß schon mal, dass es eine blöde Idee ist, einen Metalltopf in ihr zu erhitzen.

Das schlimmste, das im Zuge der Digitalisierung passieren kann ist, dass man selbst Nutzer ohne Verständnis wird und andere, die das Verständnis haben, es gegen einen missbrauchen. Denn wie will man etwas regulieren, von dessen Auswirkungen man keine Ahnung hat?

Und aufs simpelste heruntergebrochen verbirgt sich hinter allem, ob nun digital oder im analogen Umgang mit Informationen, eine Kette von Wenn-Dann-Abfragen.

Darum geht es mir bei der Digitalisierung: Analysieren, wie wir uns sowohl den privaten als auch den Arbeitsalltag durch die Verbindung verschiedener Technologien erleichtern können. Produkte sind dabei zweitrangig - der Nutzen steht im Vordergrund.